Aktivitäten
seit Beginn der Montagsdemos
Nach dem zeitweiligen Abflauen von Aktivitäten nach dem 3. April
haben wir mit Beginn der Montagsdemonstrationen in Ostdeutschland diese
als neue Protestform gegen Hartz IV sofort aufgegriffen und mit anderen
linken Kräften organisiert. Anlass in Bremen war der Aufruf der rechtskonservativen
Gruppierung „Aufrechter Gang“.
Im Bündnis sind durch die Montagsdemos auch neue Kreise und Einzelpersonen
hinzu gekommen. Es wurden die wöchentlichen Demos, Flugblattverteilungen
und weitere Aktionen organisiert – Karstadt, AWO, Arbeitsamt, Cinemaxx,
Betriebs- und Personalräteempfang, Günter Grass, Agenturschluss
u.a.
Außerdem hat sich aus dem Bündnis eine Veranstaltungsreihe
zu Themen entwickelt, die zeitnah vor allem die Themen aufgriff, die in
der Bündnisarbeit zwischen Menschen und Gruppen mit recht unterschiedlichem
Hintergrund auftauchten. Z.B. zu „Frauen und Hartz IV“, Forderungen
wie „Wir sind das Volk“, „Ein Euro Jobs“, „Wir
und die Gewaltfrage“, „Globalisierung“, „Wir und
Gewerkschaften“, „Wie weiter nach dem 3. Januar“ usw.
Als nach dem 2./3. Oktober entsprechend dem bundesweiten Trend die Teilnehmerzahl
auch in Bremen nachließ, ist es nur noch einmal gelungen dank der
Teilnahme einer größeren Zahl von Menschen aus Tenever mit
einem kreativen Programm eine eindrucksvolle Montagskundgebung durchzuführen.
Im übrigen ging die Zahl auf den „harten“ Kern zurück,
die jeweils anschließende Demo schmolz noch mehr, weil viele in
einer Mini-Demo eher eine Demonstration der Schwäche und nicht der
Stärke sahen.
Hoffnungen richteten sich auf einen Aufschwung im Zusammenhang mit dem
Agenturschluss am 3. Januar 2005, dem Tag X. Es konnten aber ebenso wie
in den 3 Monaten zuvor nur einzelne Menschen zur Teilnahme am aktiven
Protest gewonnen werden.
Die Montagsdemo war – trotz ihrer geringen Zahl – Informations-
und Kontaktbörse, Treffpunkt mit Wiedererkennungswert, Anlaufstelle
für Rat suchende Menschen, die sich teilweise zu gegenseitiger Unterstützung
zusammen fanden. Eine Massenbewegung von Betroffenen ist sie nicht geworden.
Anstatt die (bundesweiten) Gründe dafür zu analysieren und gemeinsame
Schlüsse für die weitere Arbeit zu ziehen, haben sich vorhandene
Schwierigkeiten mit dem Abnehmen der Teilnehmerzahl verschärft. Manche
suchten dann Schuldige für das Ausbleiben von weiteren Betroffenen.
Schon
länger vor der organisatorischen Trennung führte der Teil des
Bündnisses, der die Montagsdemo als eigene Bewegung ansieht, zusätzlich
getrennte Besprechungen durch. Eigene Aktivitäten einzelner Gruppen
im Bündnis stehen der Bündnisarbeit nicht entgegen, die Orientierung
auf praktische Aktivitäten, Proteste, Hilfsangebote für Betroffene
auf allen Ebenen wird von allen im Bündnis getragen.
Die
Aufrechterhaltung wöchentlicher Montagsdemos wird von Teilen des
Bündnisses aber nicht mehr für sinnvoll gehalten. Man muss eine
Kampagne zu einem geordneten Ende führen, bevor sie kläglich
auseinander läuft. Dann kann mit vereinten Kräften auch wieder
eine neue Kampagne gestartet werden – über eine Kundgebung
als Treffpunkt oder über Demos in größerem Abstand hätte
man reden können. Statt der Suche nach gemeinsamen positiven Lösungen
wurden Schein-Gegensätze zwischen „Montagsdemo“ und Bündnis
aufgebaut.
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Dafür
gibt es in der Hauptsache zwei Ursachen:
1. Die Rolle der MLPD, deren Bremer Vertreter sich organisatorisch
stark beteiligt haben, im übrigen aber vor allem bemüht waren,
Richtlinien ihrer Partei durchzudrücken. Dies ist eine Tendenz, die
in zahlreichen Städten schon früher als in Bremen zu Konflikten,
Spaltungen oder zum Ausschluss der MLPD aus lokalen Bündnissen geführt
hat. Auseinandersetzungen beziehen sich auf die
- Montagsdemo
insgesamt, die bei der MLPD nicht als Protestform gesehen wird, sondern
als gesonderte Bewegung unter ihrer Führung
- Die bundesweite Vernetzung von Montagsdemobündnissen nach MLPD-Organisationsschema
- Auf den Umgang mit Abstimmungen sowie das offene Mikrofon – gute
basisdemokratische Formen werden in ihrer dilettantischen Durchführung
zur Farce
- Auf Parolen und Forderungen – nicht unterscheidbar von rechten
Forderungen
- Auf die Berichterstattung – Umgang mit der Wahrheit und mit Zahlen
- Auf mangelnde Solidarität mit Bündnispartnern
- Auf die fehlende politische Aufarbeitung – mangelnde politische
Lernfähigkeit
Punkte
1 und 2 gewannen in Bremen erst im Zusammenhang mit den weiteren Kritikpunkten
nachträglich eine größere Bedeutung. Von Beginn an hat
es im Bündnis Diskussionen um Parolen oder Begriffe wie „Das
Volk sind wir“, „Neue Politiker braucht das Land“(1),
„volksfeindlich“ u.a. gegeben – die nicht geeignet sind,
sich von rechten Populisten abzugrenzen. Sie werden wörtlich von
Rechten benutzt!
Es
genügt nicht, sich für Verabschiedung von Prinzipien einer Bewegung
stark zu machen, in denen es pauschal heißt, dass man sich „entschieden
gegen Faschismus“ abgrenzt. Das könnten auch rechte Populisten
unterschreiben. Wichtig ist, dass wir eigene linke Forderungen und Parolen
entwickeln, ausgrenzenden und unsolidarischen Argumenten entgegen treten,
damit sich solches Denken nicht in den Köpfen festsetzt. Besonders
wichtig ist uns das heute, wo rechte Gruppen in allen möglichen Verkleidungen
außerordentlich geschickt die Nöte der Menschen aufgreifen.(2)
Viele Menschen haben sich aus solchen Gründen nur noch mit Bauchschmerzen
oder gar nicht mehr zur Montagsdemo begeben oder mitgemacht. Nicht nur
die jungen Menschen, die mit auf der Straße waren gegen den „Aufrechten
Gang“ und danach ein eigenes Bündnis gründeten. Auch viele
andere, denen Stil und Sprache von Teilen der Montagsdemo missfielen.
Zum Umgang mit Zahlen und mit der Wahrheit: Die MLPD wirft dem Bündnis
vor, es wolle keine „Massenbewegung“. Hängt das Entstehen
einer Massenbewegung von unseren oder den Wünschen der MLPD ab? Wir
wünschen uns eine Massenbewegung gegen die Herrschenden in Politik
und Wirtschaft, die uns und unseren Kindern die Zukunft rauben. Aber wir
halten nichts davon, uns die Zahlen zurecht zu lügen und uns etwas
über unsere Stärke vorzumachen. Dies tut die MLPD bundesweit.
Sie unterstützt in der bundesweiten breiten Bewegung gegen Sozialkahlschlag
nur die unter ihrem Einfluss stehende Richtung, verschweigt andere Termine
(2. Oktober) und trägt zur Schwächung und Spaltung der sozialen
Bewegung bei.
Die MLPD hat sich trotz vieler Diskussionen als nicht kompromissfähig
erwiesen. Das Bündnis gegen Sozialkahlschlag und Bildungsabbau lehnt
deshalb eine weitere Zusammenarbeit mit ihr ab.
2.
Die Rolle der „unabhängigen Bürger“
Es ist das gute Recht von Teilen des Bündnisses, sich so zu organisieren,
wie sie es für am besten halten, um den Angriffen, denen wir alle
ausgesetzt sind, etwas entgegen zu setzen.
Der Kreis „Unabhängiger Bürger“ baut aber einen
nicht wirklich bestehenden Gegensatz auf, die anderen Einzelpersonen und
Gruppen im Bündnis seien keine Betroffenen. Alle sind betroffen vom
Sozialabbau, wenn auch nicht alle unmittelbar von Hartz IV. Der Unterschied
ist: Wir kämpfen schon länger dagegen als einige von ihnen und
haben deshalb schon einige Erfahrungen gesammelt, z.B. dass Wut im Bauch
oder im Herzen nicht genügt. Wir brauchen einen langen Atem. Wir
finden es deshalb wichtig, die Strategie der Herrschenden besser zu durchschauen
und möglichst klar und überlegt an die lange währende Auseinandersetzung
heran zu gehen, erkannte Fehler zu vermeiden – was nicht vor alten
Schwächen und neuen Fehlern schützt!
Wenn
eine Methode sich nicht bewährt hat, mehr Menschen aus ihrer Vereinzelung
und Passivität zu holen, suchen wir neue Wege – anstatt nach
„Schuldigen“ für das Ausbleiben des Erfolgs zu suchen.
Wir wissen, dass Ausgrenzung und Spaltung den Gegnern nützt. Deshalb:
- drängen wir auf solidarisches Verhalten z.B. mit Beschäftigten,
auch wenn wir (noch) keine Solidarität zurück bekommen. Kraft
entwickeln wir nur gemeinsam.
- akzeptieren wir auch andere Formen der Auseinandersetzung mit dem Kapital
und den Regierenden als die in unserem Bündnis.
- holen wir
auch Menschen da ab, wo sie sind. Auch die jungen Leute, auch Punks, auch
noch Beschäftigte, Langzeit-Erwerbslose. Wir versuchen vom Beginn
bei aller Unterschiedlichkeit solidarisches Verhalten und Emanzipation
im gemeinsamen Kampf zu fördern.
Die
Montagsdemo ist nach unserer Einschätzung nicht die ganze Welt! Die
Auseinandersetzung mit den Herrschenden findet auf vielen Ebenen statt
- auch bei Montagsdemos. Wir wissen, dass es für unsere Probleme
keine „einfachen Lösungen“ gibt. Es hilft zwar, mal seinen
Frust am offenen Mikrofon rauszulassen – aber es genügt nicht.
Es genügt nicht daran zu glauben: „Keiner schiebt uns weg“
– bei 30 – 50 TeilnehmerInnen an der Montagsdemo klingt das
eher wie das Pfeifen im dunklen Walde...
Es
genügt nicht daran zu glauben, dass „die da oben“ vor
uns paar Leuten zittern – sie tun es nicht. Sie lächeln verächtlich
über das „Fähnlein der 50 Aufrechten“, egal ob es
ein rotes, gelbes, buntes oder ein einsames Gewerkschafts-Fähnlein
ist. Sie zittern auch nicht vor Tausenden von ver.di-Demonstrierenden,
die immerhin eine erfreuliche Menge waren, die für ihre Interessen
eintraten.
Es genügt nicht auf Politiker zu schimpfen – nicht einmal,
die Regierung abzulösen, wenn wir denn die Kraft dazu hätten.
Wenn
jemand „starke Worte“, „einfache Lösungen“
und „Führerqualitäten“ anbietet und sich der offenen
Diskussion entzieht, sollte man misstrauisch werden. Denn so jemand macht
anderen etwas vor.
Wir bedauern es, dass sich unsere Wege getrennt haben. Die wirkliche Trennung
gilt nur gegenüber Tendenzen, das eigene augenblickliche Wohl auf
Kosten anderer durchzusetzen und Leuten, die das propagieren. Denn das
schadet der Bewegung gegen Sozialkahlschlag.
Nach
Einführung von Hartz IV gilt es weiter sehr konkrete Arbeit in Bezug
auf 1 € Jobs, Wohnungsproblemen, Gesundheitsreform, Ausbildungsproblemen
der Jugend usw. zu leisten. Dort bringt sich das Bündnis gegen Sozialkahlschlag
– gemeinsam mit anderen ein, die bereit sind praktischen Widerstand
zu leisten. Bei Aktionen und konkreter Organisierung werden die Aktiven
sich wieder begegnen. Schnittstellen gibt es genug.
Fußnoten:
(1) „Neue Politiker
...“: Sind Schill, Aufrechter Gang, „Arbeit für Bremen“
gute Politiker, weil sie „neu“ sind? Die Grünen waren
auch „neue Politiker“ und auch Neonazis bieten sich als solche
an.
(2) Wir werden dieses
Thema sicher in einer Veranstaltung bald aufgreifen, um es gründlich
zu diskutieren.
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